Projekte

Habilitationsprojekt
 
Die geschriebene Stadt - Das Wissen städtischer Inschriften in der Frühen Neuzeit

 

Betrachtet man die zeitgenössischen Überreste frühneuzeitlicher Städte, so fällt auf, dass zahlreiche Texte das Stadtbild prägten. Neben ephemerer Schriftlichkeit gehören hierzu Inschriften auf unterschiedlichen immobilen Trägern innerhalb der Stadt – eine Praxis, die sowohl auf dem Gebiet des Alten Reiches als auch in anderen europäischen Ländern verbreitet war. In den Inschriften wurden materialisierte Aussagen angeeigneter Wissensbestände artikuliert und in den Stadtraum eingeschrieben. Das Projekt nimmt einerseits die Funktionen solcher Inschriften, andererseits die Historizität der darin materialisierten Aussagen in den Blick, um zu ermitteln wie spezifische an Objekte gebundene Wissensbestände Wirklichkeit konstituieren und Bedeutung wirkmächtig generieren. Dem liegt die Vorstellung von der Stadt als Text und von städtischen Inschriften als Form kultureller Sinnstiftung zugrunde. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der ordnungsstiftenden Funktion von Inschriften in Raum und Zeit in einer vermeintlich unübersichtlichen Stadt geschenkt. Auf diese Weise tritt die Stadt als Erfahrungs- und Wahrnehmungsraum (mental map) in den Fokus der Untersuchung. Im Zentrum des Projekts steht somit die Frage, was städtisches Leben am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit für die Stadtbewohner bedeutete und welche Rolle das Medium Inschrift und dessen spezifische Materialität in diesem Prozess der Bedeutungsgenerierung spielte. Ziel ist die Entschlüsselung des internen wie externen Verweissystems städtischer Inschriften, sprich ihres zeitgebundenen urbanen Codes.

Die empirische Basis der Untersuchung bilden vier Städte verschiedenen Typs aus dem Nord-Westen und Süden des Alten Reiches, die vergleichend analysiert werden. Ein solcher Vergleich trägt ebenso der Spezifik unterschiedlicher Städtelandschaften wie auch den überregionalen Ähnlichkeiten Rechnung. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich über den Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit mit deutlichem Fokus auf die frühneuzeitliche Stadt (ca. 1450-1670), um so aber gleichsam Kontinuitäten und Brüchen nachzuspüren. Methodisch knüpfe ich mit dem Projekt an die Praxeologie an, die eine essentialistische, rein textimmanente Interpretation der Befunde verhindert und sich stattdessen auf das Zusammenspiel von Praktiken, impliziten Wissensordnungen, expliziten Aussagesystemen und Materialität fokussiert. Das große Innovationspotential des beantragten Projektes basiert auf der Verknüpfung verschiedener kulturwissenschaftlicher Ansätze. Insbesondere mit der Anwendung von Ideen der urban semiotics auf einen historischen Untersuchungsgegenstand und der Verbindung mit der Praxis-Theorie betritt das Projekt Neuland. Ein eher klassischer Gegenstand wie die vormoderne Stadt wird auf diese Weise neu perspektiviert sowie eine kaum berücksichtigte Quellengattung und deren mediale und materielle Implikationen erstmals unter kulturwissenschaftlichen Fragestellungen systematisch analysiert.

 

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Forschungsschwerpunkte
  • Kulturgeschichte des Politischen

  • Vormoderne Verfassungsgeschichte

  • Frauen- und Geschlechtergeschichte

  • Geschichte des weiblichen Religiosentums

  • Stadtgeschichte

  • Wissensgeschichte

  • Materialitätsforschung

Aufsatzprojekt
 
Die Bezwingung des Zufalls - Lotterien in der Frühen Neuzeit
 
Lotterien sind keine Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Bereits im Laufe der Frühen Neuzeit kamen mit Los- und Zahlenlotterien neue institutionelle Formen des Geldflusses auf, die im 18. Jahrhundert einen regelrechten 'Boom' auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erlebten. Der Gewinn in einer Lottorie kann gleich in mehrfaher Hinsicht als Zufall par excellence gelten: Denn nicht allein, welches Los bzw. welche Zahlen gezogen werden, ist ungewiss, sondern auch der erfolgreiche Absatz der Lose bzw. die Teilnahme ausreichender Spieler ist unsicher. Das Aufsatzprojekt fragt daher ausgehend von Braunschweiger Archivmaterial, wie unterschiedliche Akteurgruppen (Spieler, Betreiber, Obrigkeiten) mit der Zufälligkeit von Lotteriegewinnen und -einnahmen umgingen und welche Maßnahmen sie ergriffen, um den Zufall zu bezwingen. Die Analyse erfolgt anhand der Begriffspaare Chance und Schaden, Sicherheit und Risiko sowie Vertrauen und Misstrauen. Sie unterstreichen den spannungsreichen Charakter frühneuzeitlicher Lotterien, die je nach Perspektive und Umständen zwischen diesen Polen chargieren konnten. Auf der Grundlage der Begriffspaare werden die verschiedenen Perspektiven der Akteursgruppen sowie ihre Strategien und Paraktiken, um Sicherheit zu erzeugen, Risiko zu minimieren oder Vertrauen herzustellen, untersucht. Dabei wird an wissens-, konsum- und materialitätsgeschichtliche Ansätze angeknüpft.
Promotionsprojekt (abgeschlossen)
 
Die Herrschaft der Damenstifte Herford, Quedlinburg und Essen zwischen Verwandtschaft, Lokalgewalten und Reichsverband (17./18. Jahrhundert)
 
Jean Bodin hat in seinem 1576 veröffentlichten Werk „Six Livres de la République“ klar die Herrschaft von Frauen verneint: „weil die Gynokratie im klaren Widerspruch steht zu den Gesetzen der Natur, die dem männlichen Geschlecht und nicht etwa der Frau die Gaben der Stärke, der Klugheit, des Kämpfens und des Befehlens verliehen hat.“ Diese Auffassung fand nicht nur im frühneuzeitlichen staatstheoretischen Diskurs nachhaltigen Widerhall, sondern auch in der historischen Forschung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die den Frauen die Befähigung zur Herrschaft absprach und damit die Legitimität weiblicher Herrschaftsausübung in Frage stellte. Es ist vorrangig das Verdienst der sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts etablierenden Frauen- und Geschlechterforschung, dass diese Annahme weiblichen Ausschlusses aus der öffentlich-politischen Sphäre grundsätzlich in Zweifel gezogen wurde. Die Darstellung Bodins steht in deutlichem Widerspruch zu den faktischen Möglichkeiten politischen Handelns von hochadligen Frauen als Regentinnen wie auch Herrscherinnen aus eigenem Recht in der Frühen Neuzeit.
Ein Spezifikum des Alten Reiches stellen in diesem Zusammenhang die Äbtissin der kaiserlich frei-weltlichen Damenstifte dar, welche gleichzeitig reichsunmittelbare Fürstinnen des Reiches mit Sitz und Stimme auf dem Reichstag waren. Die Fürstäbtissinnen, deren Untersuchung ein Desiderat der Forschung darstellt, vereinten in ihrem Amt sowohl geistliche wie weltliche Herrschaftsrechte. Neben ihrer Funktion als Vorsteherinnen der Stifte unterstanden ihnen – zugegebenermaßen – kleine bis kleinste stiftische Territorien, die sie als Landesherrinnen regierten.
Das Projekt fragt danach, inwiefern es diesen kleinen Reichsständen gelungen ist, in ihren weltlichen wie geistlichen Herrschaftsgebieten eigenständig agierend aufzutreten und ihren reichsständischen Status innerhalb der territorialen Konkurrenz im Laufe der Frühen Neuzeit zu verteidigen. Drei Aspekte stehen dabei im Zentrum der Analyse: erstens die symbolischen, verfahrenstechnischen und diskursiven Formen herrschaftlicher Repräsentation, ständischer Partizipation und territorialer Gewalt, zweitens die Einbindung der Fürstäbtissinnen in die politischen und sozialen Netzwerke der ständischen Gesellschaft und drittens die Instrumentalisierung der ersten beiden Punkte für den Erhalt der Reichsstandschaft und der eigenen Handlungsspielräume. Grundsätzlich wird hierbei nach der Relevanz solcher Kategorien wie Stand, Status, Geschlecht und Konfession für die Positionierung der Fürstäbtissinnen im öffentlich-politischen Raum der ständischen Gesellschaft gefragt.
Diesen Fragen wird anhand der drei Stifte Herford (reformiert), Essen (katholisch) und Quedlinburg (lutherisch) vergleichend nachgegangen. Mit der Auswahl konfessionell unterschiedlich ausgerichteter Stifte wird zugleich der konfessionellen Pluralität des Alten Reiches Rechnung getragen. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Westfälischen Friedensschluss (1648), mit dem die Existenz der kaiserlich frei-weltlichen Damenstifte grundsätzlich in der Reichsverfassung verankert wurde, bis zu ihrer Auflösung im Zuge der Säkularisation (1802/03).
 
 
 

© 2015 by Teresa Schröder-Stapper.